NEUE ARBEITSWELTEN – NUR NICHT DEN ANSCHLUSS VERLIEREN

Die Zeiten ständiger Büropräsenz gehören wohl endgültig der Vergangenheit an. Viele Menschen verlagern ihre Büroarbeit zunehmend ins Homeoffice, den wohnortnahen Coworking Space oder einfach in das Café um die Ecke. Natürlich freut man sich weiter auf das Büro und die Kollegen, doch irgendwas ist anders, etwas Neues ist Normalität geworden. Dieses New Normal der Büroarbeit bringt neue Möglichkeiten – und neue Herausforderungen.

Auch wenn es schon etwas länger her ist, erinnere ich mich noch sehr lebhaft daran: In meinen Anfangsjahren war es für mich vollkommen normal, jeden Tag ins Büro zu gehen. Die 40-Stunden-Woche wurde eigentlich nie hinterfragt. Im Gegenteil: Als junger und bissiger Berufseinsteiger bin ich für gewöhnlich die Extrameile gegangen. Wenn ich nicht im Büro war, dann war ich bei Kunden, Partnern oder direkt vor Ort bei unseren Projekten.

 

Das ungestörte Arbeiten

Heute ist vieles anders. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass Zusammenarbeit auch ohne ständige Büropräsenz funktioniert. Das hat viele Vorteile: Im Homeoffice starten wir unsere Arbeit in einer sehr vertrauten Umgebung, können ohne langen Arbeitsweg direkt einsteigen, Beruf und Familie besser verbinden – und mal ganz ehrlich, der Kaffee schmeckt zuhause oft auch besser. Zudem haben wir im heimischen Büro weniger Ablenkungen, die Gespräche im Flur fallen weg, Austauschrunden werden besser geplant und entsprechend der individuellen Kalenderlage terminiert. Oder einfach gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass man spontan durch einen Anruf oder ein persönliches Gespräch aus der Arbeit gerissen wird, ist gesunken.

Des einen Freud ist jedoch des anderen Leid. Denn der persönliche Austausch ist doch genau das, was unsere Arbeitswelt auszeichnet. Durch diesen lernen wir nicht nur voneinander. Wir verbringen in der Regel acht Stunden unseres Tages mit Arbeit, das ist ein Drittel unseres Alltags. Und das Miteinander entscheidet neben der Qualität unserer Aufgaben ganz maßgeblich darüber, ob wir uns in dieser Zeit wohlfühlen oder nicht. Durch die digitalen Arbeitswelten geht das jedoch an vielen Stellen verloren.

 

Das Lernen am Modell

Ein anderer Aspekt ist das Thema Lernen, hier ist das Miteinander ein mindestens ebenso relevanter Aspekt. Mal anders gefragt: Kennen Sie Albert Bandura? Außerhalb der Psychologie ist sein Name kaum verbreitet und dennoch gilt er als einer der Wegbereiter unseres modernen Denkens zum Thema Lernen. Er ist nämlich der Entwickler der sozial-kognitiven Lerntheorie, die man auch als Lernen am Modell kennt. In der Theorie werden darunter Lernvorgänge verstanden, die auf der Beobachtung des Verhaltens von menschlichen Vorbildern beruhen. Mit Blick auf unsere Arbeit könnte man verkürzt sagen: Wir lernen von unseren Kollegen und Führungskräften – sei es durch das Mitlaufen und Mitmachen oder auch nur das „Nebeneinandersitzen“. Dinge, die eine rein digitale Zusammenarbeit nicht leisten kann. Kurz: Es fehlt der formlose Austausch – und gerade durch diesen lernen wir, direkt und indirekt. Wir eignen uns Verhaltensweisen an, von denen wir denken, dass sie erfolgreich sind im Umgang mit unseren Kunden, Partnern, Dienstleistern und sämtlichen weiteren Stakeholdern. Das darf nicht fehlen.

 

Also doch ein Flächenthema

Nun können wir natürlich sagen, dass Lernkultur ein Führungsthema ist. Und zugegebenermaßen ist es das auch. Doch müssen wir dafür auch die Infrastruktur bereitstellen. Die Ideen für „neue Arbeitswelten“ sind etabliert: Unsere Büroflächen müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Mehrwert bieten, sie müssen den Dialog ermöglichen, Kollaboration schaffen und die Lernkultur beflügeln. Das war auch in der Vergangenheit der Fall, doch müssen wir nun auch den Worten Taten folgen lassen. Denn sonst verlieren unsere Flächen im Wettbewerb des New Work – und zwar vollkommen zurecht.